Dienstag, 26. Januar 2016

Maßvoll vs. Maß voll

Mich beschäftigt zur Zeit die Frage, "wann denn mal wieder gut ist".
Ob es irgendwann mal wieder sowas wie gut ist.

Nicht dass es von außen irgendwer direkt an mich herangetragen hätte, aber ich frage mich schon manchmal, wie lange mein ganz persönlicher Welpenschutz noch dauern mag.

Hab ich jetzt einen Freibrief fürs Ausrasten?

Eine Freundin sagte mir kurz nach dem Tod der Jungs am Telefon, dass ich nun alles machen solle, was ich möchte. Und wenn sie mich in einem Jahr aus den Klauen einer bolivianischen Sekte befreien müssten, dann wäre das eben so.

Ich bin dann aber doch nicht nach Bolivien geflohen und eher implodiert als explodiert.

Mir fehlen eindeutig die Trauervorbilder!
Ich hab viel gelesen, u. a. auch das "Standardwerk" der Früher-Tod-Trauerbücher.

Aber oft bin ich im Alltag ratlos, was ich wem zumuten kann.

Darf ich noch mit Tränen in den Augen im Büro sitzen?
Darf ich sämtlichen Freizeitstress an andere delegieren, weil es mir mal wieder "nicht so gut geht"?
Darf ich Freunde kurzfristig versetzen, weil ich lieber heulen mag?

Wie lange hat so ein Umfeld Verständnis?
Einerseits soll der Tod eines Babies eines der schlimmstvorstellbaren Dinge sein.
Andererseits geht das Leben weiter, Leute lernen einen außerhalb des Muttiversums kennen.

Da werde ich schon dolle therapiert, aber irgendwie läuft es trotzdem nicht rund.
Ich klammer mich so fest an diesen Willen, dass alles normal und gut ist.
Vielleicht steh ich mir damit selbst im Weg,

Dienstag, 29. Dezember 2015

Kummer

Die Weihnachtstage sind vorüber, die Weihnachtspfunde fühlen sich rundum wohl, und ich sitze seit vielen Tagen mal wieder gänzlich allein in meiner muckeligen Wohnung.

Seit Tagen beschleicht mich eine diffuse Traurigkeit, und der wollte ich mal etwas nachgehen.
Habe mir seit vielen Wochen mal wieder Fotos von Erik und Paul angeschaut, alte Tagebucheinträge gelesen, traurige Musik gehört, das ganze Programm.

Die Fassungslosigkeit darüber, was meine Söhne und ich erlitten haben, wird nicht kleiner.

Es hilft mir sehr, mich damit zu beschäftigen, aber die Erkenntnis, die daraus erwächst, schnürt mir jedes Mal wieder die Kehle zu:
Es gibt eine Lücke in meinem Herzen, die sich niemals schließen wird, die niemals gefüllt werden kann.
Egal was ich (schönes) erlebe, egal wohin ich gehe, Erik und Paul kommen nicht wieder, das Leben läuft vorwärts, nicht rückwärts, und alles was mir bleibt sind Erinnerungen.

Zweifelsohne schön, aber es nimmt mir nicht den Schmerz, wenn ich z. B. kleine Jungs sehe, oder - immer noch am schlimmsten - ganz frische Neugeborene, die einfach so mit ihren Muttis kuscheln können, weil es eben das normalste auf der Welt ist.

Kleine Wesen, die wachsen und groß und stark werden.
Bei uns wird keiner groß und stark. Meine Babies werden immer Babies bleiben, ich kann nur erahnen wie sie jetzt wohl aussehen würden.
Und gleichzeitig macht es mich wütend darüber nachzudenken, denn schließlich wird es nie so sein, die Gedanken sind müßig, es ist egal, es ist nicht Realität.

Das Jahr 2015 war das zweitschlimmste Jahr in meinem Leben. Ich bin froh, dass es bald vorbei ist.
Und auch froh über die guten Dinge, die trotz allem passiert sind.
Über Menschen, die an meiner Seite geblieben sind. Und auch über die, die neu in mein Leben getreten sind und es bereichern, in welcher Form auch immer.

Denn eines stimmt wirklich: nach Schicksalsschlägen trennt sich die Spreu vom Weizen.

Hallo Weizen, tschüs Spreu!





Dienstag, 8. Dezember 2015

Heim

Der Umzug ist weitestgehend überstanden.
Und ich habe ihn sowas von unterschätzt! Zumindest rein emotional betrachtet.

Die letzten Wochen mit Geburtstag und Todestagen hatten eh schon enorm am Nervenkostüm gezerrt, aber es blieb nur wenig Zeit zum Durchschnaufen. Weiter weiter WEITER.

Vielleicht war der Zeitpunkt für einen Umzug einfach blöd gewählt. Andererseits ist eine 3-Zimmer-Wohnung, in der so viele Träume gestorben sind, auch platzmäßig oder finanziell auf Dauer nicht tragbar.
Und eine WG oder ähnliches aufzuziehen war für mich völlig undenkbar. Bisher lebte ich entweder allein oder mit jeweiligem Partner zusammen. Und der Mensch ist schließlich auch ein Gewohnheitstier.

Aus der neuen Rummelbude wird nun ganz allmählich ein Heim.
Es ist total schön, sich langsam einzurichten (und langsam ist keine Übertreibung, aber anscheinend brauche ich die Zeit) und sich Stück für Stück mehr einzufühlen.

Und ich habe, zum Beispiel, wieder Gefallen an der Idee von Weihnachtsdeko gefunden. War vor einem Jahr total undenkbar.
Und auch Weihnachtsmärkte sind wieder schön, die Idee von Weihnachten überhaupt, nicht mehr so unsagbar grau wie letztes Jahr.

Vielleicht, oder ziemlich sicher, liegt es auch daran, dass ich verliebt bin, dass der Blick aufs Leben wieder ein friedvollerer ist.
Die Akzeptanz von dem, was mein Leben nun ist, ist größer geworden.
Ich vermisse meine Söhne jeden Tag, und gleichzeitig sehe ich auch für mich ganz persönlich wieder Perspektiven außerhalb dieser Rolle als trauernder Mutter.

Plötzlich bin ich, auch wenn das wahrscheinlich ziemlich komisch klingt, auch mal wieder einfach nur: Frau.

Vielleicht sind das mit die größten Geschenke, die mir in diesen ganzem Elend zuteil wurden - die Neugier aufs Leben nie gänzlich zu verlieren und die Hoffnung zu behalten, dass mein Leben noch ganz viel schönes für mich bereit hält.

Donnerstag, 12. November 2015

Verwandlung

Nun also schließt sich der Kreis der Jahrestage.

Heute vor einem Jahr sind Erik und Paul gemeinsam beerdigt worden.

Es war ein friedvoller Tag, voller Sonne, Liebe und Wärme, getragen von Familie und engen Freunden. Unzählige Tränen, die vergossen wurden, gemeinsam.

Mir ging der Tag heute allerdings nicht so sehr an die Nieren wie der Geburtstag und die jeweiligen Todestage, ich habe mir auch keinen Urlaub genommen.
Mir ist nur im Laufe des Tages aufgefallen, dass ich das selbe Kleid trage, wie vor einem Jahr. Ein Freud'scher Verkleider, oder so ähnlich.

Es hat sich alles so sehr verändert seitdem.

Im Moment stehe ich gerade in einem Mix aus Umzugskisten und auseinander gebauten Möbeln.
Am Wochenende steht nun mein Auszug an.

Ich hab eine wunderhübsche kleine(re) Wohnung gefunden, auf die ich mich sehr freue.

Es ist an der Zeit, sich aus dem alten Zuhause auf den Weg in ein neues zu machen.
Wieder ein Stück Abschied, loslassen, zurücklassen, aussortieren, mitnehmen, das ganze buchstäblich wie metaphorisch.

Vorhin stand ich heulend in meiner bereits abgebauten Küche und konnte es einfach nicht fassen, dass alles so gekommen ist. Mein Leben war doch arschgeil! Warum ist diese ganze Scheiße bloß passiert?

Ich hab mir in diesem Jahr den Hintern aufgerissen, um einigermaßen auf Kurs zu bleiben.
Anstrengend, jeden einzelnen Tag. Aber ich find immer noch, dass es sich lohnt.

Ich. Will. Weiter. Leben.
Und meine Jungs, die nehm ich im Herzen mit.

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Paul

Mein liebster kleiner Paul,

diese tiefe dunkle Nacht, in der du von uns gingst, jährt sich nun auch bei dir.

Ich habe es damals nicht verstanden, und verstehe es auch jetzt nicht, dass auch du nicht bei uns bleiben durftest.
Ich habe die Gespräche mit den Ärzten noch in glasklarer Erinnerung, sehe die Ultraschallaufnahmen deines Herzens im Geiste vor mir, spüre die Ohnmacht und das Gefühl dahinter, endgültig verloren zu haben.
Ich wollte es nicht akzeptieren, dich nicht auch noch verlieren.

Ausgerechnet du, der gekämpft hat wie ein Löwe.

Ich hatte so große Angst um dich, als du in deiner zweiten Nacht eine Gehirnblutung hattest.
Habe daraufhin auf mögliche Zeichen geachtet, ob bei dir "irgendwas nicht stimmt".

Was total bescheuert ist im Nachhinein, denn es hätte nie etwas an der Tatsache geändert, dass du mein Sohn bist und ich dich liebe und alles dafür getan hätte, dass du ein schönes Leben hast, egal ob mit Einschränkungen oder ohne.

So oder so finde ich bis heute faszinierend, wie viel Charakter auch schon in dir steckte, und dass du so ganz anders gewesen bist als dein Brüderchen. So sensibel! Und gleichzeitig so renitent!

Mit welcher Entschlossenheit du da dein Gewicht verdreifacht, eine Gehirn-OP weggesteckt oder tagelang so gut wie selbstständig geatmtet hast... ich war so zuversichtlich und habe mir schon ausgemalt, wie wir dich vielleicht schon Weihnachten mit nach Hause nehmen dürfen.

Und ich bin so unglaublich wütend und traurig, dass es dann so anders kam.
In der Nacht zum 29. Oktober sind mit dir alle Hoffnung, jeder Wunsch und sämtlicher verbliebener Kampfgeist gestorben.

Kleiner Mann, es tut mir so weh dass unser gemeinsamer Weg so zeitig geendet hat.

Ich liebe dich so sehr und auch, wenn uns jetzt noch Zeit und Raum trennen, sind wir verbunden, heute und für immer.

Deine Mama

Montag, 19. Oktober 2015

Erik

Hallo Erik, mein kleiner Schatz.

Dieser grauenhafte Tag, an dem dein Papa und ich dich gehen lassen mussten, ist nun ein Jahr her.
Die vergangene Zeit wirkt wie ein Wimpernschlag, und gleichzeitig ist eine Ewigkeit vergangen.

Kleiner Mann, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke.
An dein wunderhübsches Gesicht, deine kleinen Händchen, die ich so gerne gehalten habe.
Deine Füßchen, die du so gern massiert bekommen hast.

Ich hätte dich fressen können, weil ich dich so süß fand.

Schon im Bauch hast du den größeren Rabatz gemacht, und auch außerhalb warst du mein Sonnenschein und mein Sorgenkind zugleich.

Ich habe es lange nicht wahrhaben wollen, dass es dir so schlecht geht.
Die erste Darm-OP, der künstliche Ausgang, das schaffen wir schon, und irgendwann ist all das Schlimme vergessen und du und dein Bruder seid zu Hause und wir holen das ganze Kuscheln und Küssen nach.

Ich hab dir das oft versprochen, habe dir von deinen Omas und deinem Opa erzählt und deinen Tanten und Onkeln und Freunden der Familie, die dich alle so gern kennenlernen wollten.

Ich habe mir so sehr das Leben für dich gewünscht und es bricht mir das Herz, dass du nicht mehr da bist.
Du hast gekämpft und gelitten und es erscheint mir so umsonst und ungerecht, dass du den Kampf verloren hast.

Wir durften dich 45 Tage bei uns haben, und ich hoffe du hast gespürt, wie sehr du geliebt wurdest.

Eines Tages sehen wir uns wieder, daran glaube ich ganz fest.
Bis dahin versuche ich hier auf Erden noch ein bisschen was rauszuholen, zu leben und zu lachen und zu lieben, so doll es nur geht.
Und du hab viel Spaß mit deinem Brüderchen, wo auch immer ihr gerade rumflitzt!

Ich liebe dich, heute und für immer.
Deine Mama

Freitag, 9. Oktober 2015

Die Zeit steht still

Es wird allmählich immer früher dunkel.
Nach einigen herbstgoldenen Tagen ist es kalt und ungemütlich geworden.
Meine Lieblingszutaten dieser Tage: Sofa, Kuscheldecke und Filme.

Die Tür zur Paralleldimension Frühchenintensivstation steht weit offen und es ist, als würde ich die Zeit von vor einem Jahr nochmal durchleben. Nur mit zeitlichem Abstand.

Was es nicht unbedingt leichter macht. So oft wurde uns Eltern damals von Freunden gesagt, "Wie haltet ihr das bloß aus!" Und nun lese ich meine Tagebucheinträge aus dem letzten Jahr und weiß keine Antwort darauf.

Die ersten 2 Wochen waren so voller Hoffnung, voller hormoneller Verblendung. Und selbst als es immer schlechter um Erik und Paul stand, wollte ich es nicht wahrhaben.
Der Tod war überhaupt keine Option für mich. Schade, dass mich das Schicksal nicht gefragt hat. Dass ich so unendlich machtlos war.

Jeden Tag am jeweiligen Brutkasten zu stehen, zu hoffen und zu bangen... und die beiden so sehr zu lieben.

In der Essecke hängt noch immer das Bild von Paul, dass uns Schwester Annkathrin geschenkt hat. Am 10. Oktober hatte er "Mehltütenfest", da wog er erstmals über 1 Kilogramm.
Wie eingebrannt in mein Herz sind die Worte "Dank eurer Hilfe und Liebe, werde ich auch die nächste Gewichtsetappe schaffen."

Es rührt mich immer noch so sehr, dass alle an unsere Jungs geglaubt und das Beste für sie gehofft haben. Leider blieb das Wunder einfach aus. Zwei kleine Lichter, die erloschen, bevor sie jemals richtig brennen durften.