Weihnachten ist überstanden! Yeah!
Und ich freue mich sagen zu können, dass ich die Tage überwiegend als sehr schön und entspannt empfunden habe.
Alles hat geleuchtet und alle waren friedlich miteinander.
An Heiligabend waren wir vormittags auf dem Friedhof, um einen Zweig von unserem Weihnachtsbaum zum Grab zu bringen. Meine Mutter und ihr Mann hatten am Tag zuvor schon ihren halben Baum dort aufgebaut, so dass ich mich ein bisschen mickrig fühlte mit meinem kleinen Ästchen. Aber naja, der gute Wille zählt und so!
Auf dem Friedhof war es voll, und es herrschte eine beinahe fröhliche Atmosphäre an den Nachbargräbern. Was ich ziemlich befremdlich fand, Heiligabend und Friedhof in einem Satz schließt für mich gute Laune irgendwie aus. Ich weiß noch wie ich dachte "die armen Leute bei denen es jetzt noch ganz frisch, und Weihnachten die absolute Hölle ist!"
Habe später auf dem Nachhauseweg dann wiederum darüber nachgedacht - was hat sich bei mir verändert in den letzten 3 Jahren?
Das erste Weihnachten nach dem Tod von Paul und Erik fiel komplett aus. Wir waren abends noch in der Kirche, weil es den Vater der beiden und mich dort hinzog, aber ansonsten: nope.
Ich wollte keine Geschenke (es gab nur diesen einen einzigen Wunsch den ich hatte, und das war meine Kinder zurück zu bekommen) und fähig irgendwas zu kochen oder zu schenken oder zu schmücken war ich auch nicht.
Das zweite Weihnachten danach habe ich nicht mehr so gut in Erinnerung. Ich war noch recht frisch mit meinem damals neuen Freund zusammen, und Heiligabend habe ich mit ihm und meinem Vater und meiner Schwester verbracht, so als "Hopping Dinner", mit den verschiedenen Gängen in verschiedenen Wohnungen. Das war auf jeden Fall ziemlich anstrengend und wurde für nicht wiederholungswürdig befunden ;)
Weihnachten Nummer 3 war dann echt schön, bei der Familie meines Freundes in seiner Heimatstadt, und dieses Jahr war es nun also schon das vierte Weihnachten, das ich ohne meine Söhne feiern musste.
Aber sie waren dabei, auf ihre Art und Weise. Zu Hause brannten ihre Kerzen, und ich bin mir ganz sicher dass sie spürten und sich darüber freuten, dass ihre Mama im albernen Weihnachtspulli gerade eine nette Zeit mit ihrer lebenden Familie hatte.
Sie sind zu inneren Figuren für mich geworden. Sie fehlen mir fürchterlich, aber gleichzeitig "weiß" ich: sie sind bei mir. Sie wünschen sich, dass ihre Mama glücklich ist. Anders glücklich als zuvor, aber nicht gebrochen und zerstört.
Und ich hatte ihnen damals versprochen, dass ich alles dafür tue, damit ich wieder glücklich werde.
Glück ist in meinen Augen kein beständiges Gut. Es sind kleine Momente, und diese spüren zu dürfen, zu können, das empfinde ich als pures, tiefes Leben und Erleben.
Das Leben in seiner ganzen Fülle...
Es wird noch vieles bereit halten, gutes wie schlechtes, und es wird auch für mich wieder Phasen geben, wo ich das nicht spüren kann und in denen ich wütend und voller Schwärze bin - dann ist es eben so.
Es gibt keine Wege um die Trauer herum.
Wir alle müssen unsere eigenen Wege finden und gehen.
Und ich bin dankbar für die Gefährten auf meiner Reise.
Und ich wünsche uns allen, die wir trauern und die tiefsten Abgründe in uns kennen, dass wir nie dauerhaft die Hoffnung verlieren.
Bald ist 2017 vorbei. Ein aufregendes, ein stilles, ein mutiges und ein zurückgezogenes Jahr in meinem Leben geht zu Ende.
Mal wieder - auf ein neues.
Donnerstag, 28. Dezember 2017
Donnerstag, 21. Dezember 2017
Weihnachtszeit
"Weihnachtszeit, Weihnachtszeit, macht euch für das Fest bereit..."
Ich kann immer noch keine Lieder von Rolf Zuckowski hören, ohne davon schwermütig zu werden.
Generell, Weihnachtslieder - mein Freund und ich haben eine Weihnachtsplaylist erstellt, und es fühlte sich für mich an wie harte Arbeit.
Ich habe seit dem Tod von Erik und Paul keine Weihnachtslieder mehr gehört, ist mir aufgefallen.
Das 4. Mal Weihnachten ohne die beiden.
Ab und zu blitzt ein bisschen Weihnachtszauber auf. Der geschmückte Tannenbaum, Kekse backen, die Vorfreude in den Augen meines Freundes ...
Und dann wieder Tränen. Beim Einpacken der Geschenke durchfuhr mich plötzlich der Gedanke, dass ich so noch in den nächsten ~50 Jahren sitzen werde - Geschenke einpackend, ohne die beiden.
Es fühlte sich so aussichtslos an. Der ewige Kampf, gute Momente gegen schlechte Momente.
Aber vielleicht ist es ja auch gar kein Kampf, sondern eine Einheit.
Am 10. Dezember war wieder Worldwide Candle Lighting - ich war wieder mit Freunden und Familie im Hamburger Michel, und es war wie auch im letzten Jahr groß, überwältigend, schön und traurig. Gute Momente, schlechte Momente.
Mit meiner Freundin J., auch eine verwaiste Mama, habe ich eine - achtung langes Wort - Weihnachtsmarktkonfrontationstherapie gemacht. Ok, wir haben ein bisschen geschummelt und sind vormittags hingegangen.
Hab es aber auch einmal mit ehemaligen Kolleginnen und nochmal mit meiner Familie geschafft.
Auf den Fotos, die auf letzterem Besuch entstanden, sehe ich richtig glücklich aus.
Weihnachten wird für mich nie wieder so wie früher sein. Kann es auch gar nicht. Ich merke, wie ich mehr und mehr in dieses neue Leben hineinwachse. in die guten Momente, und in die schlechten.
Beides verbinden und leben möchte, die Liebe und die Traurigkeit.
Ich kann immer noch keine Lieder von Rolf Zuckowski hören, ohne davon schwermütig zu werden.
Generell, Weihnachtslieder - mein Freund und ich haben eine Weihnachtsplaylist erstellt, und es fühlte sich für mich an wie harte Arbeit.
Ich habe seit dem Tod von Erik und Paul keine Weihnachtslieder mehr gehört, ist mir aufgefallen.
Das 4. Mal Weihnachten ohne die beiden.
Ab und zu blitzt ein bisschen Weihnachtszauber auf. Der geschmückte Tannenbaum, Kekse backen, die Vorfreude in den Augen meines Freundes ...
Und dann wieder Tränen. Beim Einpacken der Geschenke durchfuhr mich plötzlich der Gedanke, dass ich so noch in den nächsten ~50 Jahren sitzen werde - Geschenke einpackend, ohne die beiden.
Es fühlte sich so aussichtslos an. Der ewige Kampf, gute Momente gegen schlechte Momente.
Aber vielleicht ist es ja auch gar kein Kampf, sondern eine Einheit.
Am 10. Dezember war wieder Worldwide Candle Lighting - ich war wieder mit Freunden und Familie im Hamburger Michel, und es war wie auch im letzten Jahr groß, überwältigend, schön und traurig. Gute Momente, schlechte Momente.
Mit meiner Freundin J., auch eine verwaiste Mama, habe ich eine - achtung langes Wort - Weihnachtsmarktkonfrontationstherapie gemacht. Ok, wir haben ein bisschen geschummelt und sind vormittags hingegangen.
Hab es aber auch einmal mit ehemaligen Kolleginnen und nochmal mit meiner Familie geschafft.
Auf den Fotos, die auf letzterem Besuch entstanden, sehe ich richtig glücklich aus.
Weihnachten wird für mich nie wieder so wie früher sein. Kann es auch gar nicht. Ich merke, wie ich mehr und mehr in dieses neue Leben hineinwachse. in die guten Momente, und in die schlechten.
Beides verbinden und leben möchte, die Liebe und die Traurigkeit.
Mittwoch, 1. November 2017
Mein Leben in Schwarzweiß
Trauer macht einsam. Ist das nicht eigentlich widersprüchlich?
Wie kann etwas, das einen so verletztlich, so offen, so weich für die Welt macht, gleichzeitig der schlimmste Malus unserer Zeit sein?
Leute wenden sich ab, wissen nicht, was sie sagen sollen - dabei haben sie es doch so gut. Sie müssten NUR reden. Sie müssen nicht mit dem Schicksal leben, jeden Tag, jede Nacht.
Sie können nach Hause gehen, vielleicht eine Serie gucken und komplett abschalten.
Ich hadere gerade sehr mit meinem Leben. Ich weiß nicht, wie ich wieder hineinfinden soll, in das normale Leben. Ich kann nicht ewig auf meinem Sofa sitzen und beim Seriengucken anfangen zu heulen, weil ich alles so hasse und belanglos finde.
Am Sonntag, den 29. Oktober, war Pauls 3. Todestag.
Wie passt das hinein in unsere totretuschierte Welt? Wo ist da das Bling bling, die Heiterkeit, die Lebenslust?
Eine Freundin schrieb mir am Sonntag "Ein Kind gehen zu lassen zerstört einen schon vollkommen, dann alle Kraft zusammen zu nehmen, stark zu sein und zu kämpfen und dann nochmals sein Herz und alle Hoffnung zu verlieren, das ist mehr als unmenschlich und nicht nachvollziehbar, wenn man es nicht erleben musste."
Sie selbst hat ihre Drillinge verloren.
Etwas von mir ist kaputt gegangen vor 3 Jahren, und so langsam spüre ich - es kommt auch nicht wieder.
Ich wehre mich mit Händen und Füßen, aber vielleicht sollte ich es langsam akzeptieren.
Meine Söhne sind tot, und ich werde nie mehr die Selbe sein.
---
Mit mir selbst weiß ich zur Zeit nichts anzufangen, dafür klappen Rituale ziemlich gut.
Auch Paul sollte natürlich sein Kistchen haben, gleiches Prozedere wie an Eriks Todestag, 10 Tage zuvor.
Diesmal an einem anderen Ort, ebenfalls wieder Teil meiner Kindheit und Wirkungsstätte meines verstorbenen Opas, als er noch arbeitete.
Mittags hatte ich mich mit meiner Freundin F. und meinem Vater zunächst auf dem Friedhof getroffen, mein Freund war auch dabei.
Anschließend fuhren wir dann weiter zum besagten Ort, wo wir auf meine Mutter trafen.
Es war ziemlich frisch, und die letzten Ausläufer des Sturms von voriger Nacht wehten uns um die Nase. Wir gingen nicht lange spazieren, schnell war der passende Ort gefunden.
Nach erfolgreicher Verbuddelung ging es weiter zu einem hübschen Café in der Nähe, es gab Kaffee und Kuchen und irgendwie fühlte ich mich einfach nur leer und weit weg.
Die letzten beiden Tage habe ich mich dann nur zu Hause vergraben, bei all dem Tod ertrage ich oft das Leben nicht mehr.
Letzte Woche hatte ich Bewerbungsbilder von mir in der Hand. Knapp 4 Jahre alt.
Ich trug das schwarzweiße Kleid, auf dem Monate später mein zweiter Sohn sterben sollte.
Life is strange - and so am I.
Wie kann etwas, das einen so verletztlich, so offen, so weich für die Welt macht, gleichzeitig der schlimmste Malus unserer Zeit sein?
Leute wenden sich ab, wissen nicht, was sie sagen sollen - dabei haben sie es doch so gut. Sie müssten NUR reden. Sie müssen nicht mit dem Schicksal leben, jeden Tag, jede Nacht.
Sie können nach Hause gehen, vielleicht eine Serie gucken und komplett abschalten.
Ich hadere gerade sehr mit meinem Leben. Ich weiß nicht, wie ich wieder hineinfinden soll, in das normale Leben. Ich kann nicht ewig auf meinem Sofa sitzen und beim Seriengucken anfangen zu heulen, weil ich alles so hasse und belanglos finde.
Am Sonntag, den 29. Oktober, war Pauls 3. Todestag.
Wie passt das hinein in unsere totretuschierte Welt? Wo ist da das Bling bling, die Heiterkeit, die Lebenslust?
Eine Freundin schrieb mir am Sonntag "Ein Kind gehen zu lassen zerstört einen schon vollkommen, dann alle Kraft zusammen zu nehmen, stark zu sein und zu kämpfen und dann nochmals sein Herz und alle Hoffnung zu verlieren, das ist mehr als unmenschlich und nicht nachvollziehbar, wenn man es nicht erleben musste."
Sie selbst hat ihre Drillinge verloren.
Etwas von mir ist kaputt gegangen vor 3 Jahren, und so langsam spüre ich - es kommt auch nicht wieder.
Ich wehre mich mit Händen und Füßen, aber vielleicht sollte ich es langsam akzeptieren.
Meine Söhne sind tot, und ich werde nie mehr die Selbe sein.
---
Mit mir selbst weiß ich zur Zeit nichts anzufangen, dafür klappen Rituale ziemlich gut.
Auch Paul sollte natürlich sein Kistchen haben, gleiches Prozedere wie an Eriks Todestag, 10 Tage zuvor.
Diesmal an einem anderen Ort, ebenfalls wieder Teil meiner Kindheit und Wirkungsstätte meines verstorbenen Opas, als er noch arbeitete.
Mittags hatte ich mich mit meiner Freundin F. und meinem Vater zunächst auf dem Friedhof getroffen, mein Freund war auch dabei.
Anschließend fuhren wir dann weiter zum besagten Ort, wo wir auf meine Mutter trafen.
Es war ziemlich frisch, und die letzten Ausläufer des Sturms von voriger Nacht wehten uns um die Nase. Wir gingen nicht lange spazieren, schnell war der passende Ort gefunden.
Nach erfolgreicher Verbuddelung ging es weiter zu einem hübschen Café in der Nähe, es gab Kaffee und Kuchen und irgendwie fühlte ich mich einfach nur leer und weit weg.
Die letzten beiden Tage habe ich mich dann nur zu Hause vergraben, bei all dem Tod ertrage ich oft das Leben nicht mehr.
Letzte Woche hatte ich Bewerbungsbilder von mir in der Hand. Knapp 4 Jahre alt.
Ich trug das schwarzweiße Kleid, auf dem Monate später mein zweiter Sohn sterben sollte.
Life is strange - and so am I.
Dienstag, 24. Oktober 2017
Schleifen
Eriks Todestag hat sich nun auch zum 3. Mal gejährt.
Wieder waren die Ereignisse ganz nah, das Krankenhaus, die letzten Tage, die letzten Stunden.
Es ist wie eine nie enden wollende Schleife.
Die Psychologin damals im Krankenhaus sprach von einer Spirale, die stetig nach oben führt. Man befindet sich irgendwann wieder am gleichen Punkt, aber eine Ebene höher. Was mich betrifft, hatte sie damit recht. Auch wenn Dunkelheit und Verzweiflung wieder spürbar sind.
Ich habe viel geweint und viel gewütet die letzten Tage. Nicht zu arbeiten hilft mir gerade sehr, ich kann einfach sein, wie ich bin, tun, was ich mag, denken, wie ich mag. Ohne (Arbeits)alltagsmaske.
Weil es mir auch einfach scheißegal ist bzw. immer scheißegaler wird, was andere denken.
Ich muss mein Leben leben, ich muss MIT meinem Leben leben.
Und wenn ich die Verbindung zu meinen Söhnen pflegen möchte, sie mitnehmen möchte, sie in mein Leben integrieren möchte, dann ist das mein Weg, und die ganzen Verdränger und Flüchter und Augenzuhalter können sich gepflegt gehackt legen.
Loslassen, was für ein Schwachsinn.
Loslassen kann man schlechte Gewohnheiten, schlechte Jobs, schlechte Freunde, aber doch nicht seine Liebsten, seine Nächsten, seine... Kinder. Sie sind ein Teil von uns, von mir, und egal wie sehr man sich dagegen wehrt, wie sehr einen der Schmerz auch zerfetzt, wenn man ihn zulässt - es gehört alles dazu, das Schöne und das Schreckliche.
Ich verstehe jede und jeden, der davor flüchten will. Und ab und zu ist so eine kleine Alltagsflucht auch bestimmt nicht verkehrt. Mache ich ja gerade auch irgendwie, weil ich mich aus dem "normalen" Leben rausnehme.
So war auch der 19. Oktober wieder fern vom normalen Leben, aber natürlich - irgendwo bleibt man sich ja dann doch immer treu - nicht ohne Plan.
Ich hatte für Erik ein kleines Kistchen besorgt, einen Brief geschrieben und zusammen mit kleinen Engeln und Herzchen und etwas Flauschewatte verschlossen.
Vorletztes Jahr gab es eine Flaschenpost in der Elbe, letztes Jahr ging es hoch hinaus via Luftballon, und dieses Jahr sollte es Erde sein.
Es fühlte sich gut an, einen Plan zu haben. Auch wenn ich quasi erst in letzter Minute für mich entschieden hatte, wo ich das Kistchen vergraben wollte. Es gab eine Vielzahl an gefühlten Möglichkeiten, und ich entschied mich schließlich für einen Ort aus meiner Kindheit, weit draußen auf dem Land.
Vorher ging es noch mit meiner Freundin F. und meinem Freund zum Friedhof, wir tranken noch eine Tasse Kaffee und ich genoss das tolle Wetter - die Sonne schien mit einem milden Licht, und es war fast ein bisschen warm (wir saßen draußen!).
Anschließend fuhren mein Freund und ich dann los, raus aus der Stadt, rein in die Felder und Deiche.
Wir stiefelten durch die schwächer werdende späte Nachmittagssonne, durch Sand und Matsch, vorbei an verzweigten Geäst.
Schließlich fand ich eine geeignete Stelle und wir machten uns daran, die kleine Kiste zu vergraben.
Es war kurz vor dem Todeszeitpunkt um 17:58 Uhr, und wieder kamen die Bilder von vor 3 Jahren.
Der Sturm, der damals aufgezogen war. Die beiden Liegestühle für A. und mich. Die Ärzte und Schwestern, die dabei gewesen waren.
Ich verstehe nicht, wie irgendwer annehmen könnte, dass man so etwas jemals vergisst.
Mein kleiner Erik, du bist unvergessen, unvergesslich, dir gehören meine Liebe, mein Schmerz, mein Lachen und mein Weinen. Du und dein Brüderchen habt mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin.
Danke, dass du diese 45 Tage in meinem Leben warst.

Wieder waren die Ereignisse ganz nah, das Krankenhaus, die letzten Tage, die letzten Stunden.
Es ist wie eine nie enden wollende Schleife.
Die Psychologin damals im Krankenhaus sprach von einer Spirale, die stetig nach oben führt. Man befindet sich irgendwann wieder am gleichen Punkt, aber eine Ebene höher. Was mich betrifft, hatte sie damit recht. Auch wenn Dunkelheit und Verzweiflung wieder spürbar sind.
Ich habe viel geweint und viel gewütet die letzten Tage. Nicht zu arbeiten hilft mir gerade sehr, ich kann einfach sein, wie ich bin, tun, was ich mag, denken, wie ich mag. Ohne (Arbeits)alltagsmaske.
Weil es mir auch einfach scheißegal ist bzw. immer scheißegaler wird, was andere denken.
Ich muss mein Leben leben, ich muss MIT meinem Leben leben.
Und wenn ich die Verbindung zu meinen Söhnen pflegen möchte, sie mitnehmen möchte, sie in mein Leben integrieren möchte, dann ist das mein Weg, und die ganzen Verdränger und Flüchter und Augenzuhalter können sich gepflegt gehackt legen.
Loslassen, was für ein Schwachsinn.
Loslassen kann man schlechte Gewohnheiten, schlechte Jobs, schlechte Freunde, aber doch nicht seine Liebsten, seine Nächsten, seine... Kinder. Sie sind ein Teil von uns, von mir, und egal wie sehr man sich dagegen wehrt, wie sehr einen der Schmerz auch zerfetzt, wenn man ihn zulässt - es gehört alles dazu, das Schöne und das Schreckliche.
Ich verstehe jede und jeden, der davor flüchten will. Und ab und zu ist so eine kleine Alltagsflucht auch bestimmt nicht verkehrt. Mache ich ja gerade auch irgendwie, weil ich mich aus dem "normalen" Leben rausnehme.
So war auch der 19. Oktober wieder fern vom normalen Leben, aber natürlich - irgendwo bleibt man sich ja dann doch immer treu - nicht ohne Plan.
Ich hatte für Erik ein kleines Kistchen besorgt, einen Brief geschrieben und zusammen mit kleinen Engeln und Herzchen und etwas Flauschewatte verschlossen.
Vorletztes Jahr gab es eine Flaschenpost in der Elbe, letztes Jahr ging es hoch hinaus via Luftballon, und dieses Jahr sollte es Erde sein.
Es fühlte sich gut an, einen Plan zu haben. Auch wenn ich quasi erst in letzter Minute für mich entschieden hatte, wo ich das Kistchen vergraben wollte. Es gab eine Vielzahl an gefühlten Möglichkeiten, und ich entschied mich schließlich für einen Ort aus meiner Kindheit, weit draußen auf dem Land.
Vorher ging es noch mit meiner Freundin F. und meinem Freund zum Friedhof, wir tranken noch eine Tasse Kaffee und ich genoss das tolle Wetter - die Sonne schien mit einem milden Licht, und es war fast ein bisschen warm (wir saßen draußen!).
Anschließend fuhren mein Freund und ich dann los, raus aus der Stadt, rein in die Felder und Deiche.
Wir stiefelten durch die schwächer werdende späte Nachmittagssonne, durch Sand und Matsch, vorbei an verzweigten Geäst.
Schließlich fand ich eine geeignete Stelle und wir machten uns daran, die kleine Kiste zu vergraben.
Es war kurz vor dem Todeszeitpunkt um 17:58 Uhr, und wieder kamen die Bilder von vor 3 Jahren.
Der Sturm, der damals aufgezogen war. Die beiden Liegestühle für A. und mich. Die Ärzte und Schwestern, die dabei gewesen waren.
Ich verstehe nicht, wie irgendwer annehmen könnte, dass man so etwas jemals vergisst.
Mein kleiner Erik, du bist unvergessen, unvergesslich, dir gehören meine Liebe, mein Schmerz, mein Lachen und mein Weinen. Du und dein Brüderchen habt mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin.
Danke, dass du diese 45 Tage in meinem Leben warst.

Sonntag, 10. September 2017
3 Jahre alt
Am 5. September wären Erik und Paul 3 Jahre alt geworden.
Etwas war anders in diesem Jahr. Der Tag begann mit Sonnenschein!
Während es an den letzten beiden Geburtstagen nieselte und der Himmel grau in grau war, war heute ein freundlicher, klarer Tag.
Es fühlte sich sehr tröstlich an. Als wäre eine Zeitenwende angebrochen.
Und ja, es hat sich ja auch einschneidendes für mich ergeben. Mit meinem Job habe ich das letzte Bindeglied in mein altes Leben gekappt. Was sich groß und mächtig anfühlt, aber vor allem: richtig.
Der Geburtstag der beiden begann für mich wieder im Krankenhaus, beim dortigen Bäcker.
Meine liebe Freundin F. und ich trafen uns morgens, ich aß das obligatorische Rührei mit Speck und trank meinen geliebten Karamellmacchiato, und wir hielten uns an den Händen, als um 9:45 und 9:46 die Geburtsstunden von Erik und Paul gekommen waren.
Auch wenn wieder ein Jahr vergangen ist, seit ich beim Krankenhaus war, fühlt sich dort noch immer alles vertraut an. So verzichtete ich dieses Jahr auch auf meinen "Rundgang", irgendwie "musste" ich das dieses Jahr nicht tun.
Wir fuhren zum Friedhof, dekorierten ein bisschen mit Kerzen und Ballons, und gegen 11 Uhr kamen auch mein Vater und meine Schwester dazu.
Wir stießen mit Sekt an und erzählten im Halbkreis so dies und das, ein leichter Wind ging und ich fühlte mich wieder seltsam komplett, hier inmitten meiner kleinen Familie.
Danach ging es zu mir nach Hause, mein Freund war schon da und meine Mutter kam dann auch noch dazu. Es gab Kuchen und Muffins und Kaffee, und, wie es sich für einen Kindergeburtstag gehört, ganz viel Süßkram :)
Es ist immer noch komisch, einen Geburtstag ohne die Hauptpersonen zu feiern.
Abends, nachdem alle gegangen waren, überrollte es mich sehr, ich weinte und wollte nochmal zum Friedhof. Also fuhren mein Freund und ich los, auch um zu schauen, ob die Ballons auch wirklich blinkten. Es war leider noch nicht dunkel genug, um das abschließend beurteilen zu können, aber wir konnten die LEDs auf jeden Fall schon leuchten sehen.
Ich vermisse euch, ihr lieben Mäuse. Es vergeht immer noch kein Tag, an dem ich nicht an euch denke. Ihr gehört zu meinem Leben dazu, und das ist schön so.
Schon seit 3 Jahren.
Etwas war anders in diesem Jahr. Der Tag begann mit Sonnenschein!
Während es an den letzten beiden Geburtstagen nieselte und der Himmel grau in grau war, war heute ein freundlicher, klarer Tag.
Es fühlte sich sehr tröstlich an. Als wäre eine Zeitenwende angebrochen.
Und ja, es hat sich ja auch einschneidendes für mich ergeben. Mit meinem Job habe ich das letzte Bindeglied in mein altes Leben gekappt. Was sich groß und mächtig anfühlt, aber vor allem: richtig.
Der Geburtstag der beiden begann für mich wieder im Krankenhaus, beim dortigen Bäcker.
Meine liebe Freundin F. und ich trafen uns morgens, ich aß das obligatorische Rührei mit Speck und trank meinen geliebten Karamellmacchiato, und wir hielten uns an den Händen, als um 9:45 und 9:46 die Geburtsstunden von Erik und Paul gekommen waren.
Auch wenn wieder ein Jahr vergangen ist, seit ich beim Krankenhaus war, fühlt sich dort noch immer alles vertraut an. So verzichtete ich dieses Jahr auch auf meinen "Rundgang", irgendwie "musste" ich das dieses Jahr nicht tun.
Wir fuhren zum Friedhof, dekorierten ein bisschen mit Kerzen und Ballons, und gegen 11 Uhr kamen auch mein Vater und meine Schwester dazu.
Wir stießen mit Sekt an und erzählten im Halbkreis so dies und das, ein leichter Wind ging und ich fühlte mich wieder seltsam komplett, hier inmitten meiner kleinen Familie.
Danach ging es zu mir nach Hause, mein Freund war schon da und meine Mutter kam dann auch noch dazu. Es gab Kuchen und Muffins und Kaffee, und, wie es sich für einen Kindergeburtstag gehört, ganz viel Süßkram :)
Es ist immer noch komisch, einen Geburtstag ohne die Hauptpersonen zu feiern.
Abends, nachdem alle gegangen waren, überrollte es mich sehr, ich weinte und wollte nochmal zum Friedhof. Also fuhren mein Freund und ich los, auch um zu schauen, ob die Ballons auch wirklich blinkten. Es war leider noch nicht dunkel genug, um das abschließend beurteilen zu können, aber wir konnten die LEDs auf jeden Fall schon leuchten sehen.
Ich vermisse euch, ihr lieben Mäuse. Es vergeht immer noch kein Tag, an dem ich nicht an euch denke. Ihr gehört zu meinem Leben dazu, und das ist schön so.
Schon seit 3 Jahren.
Samstag, 19. August 2017
Schritt für Schritt
Die letzten Wochen sind nur so verflogen.
Die Zeichen stehen auf Abschied.
Heute in einer Woche wird mein letzter Arbeitstag in vertrauter Umgebung sein.
Heute in einer Woche wird mein letzter Arbeitstag in vertrauter Umgebung sein.
Bin ich dafür gewappnet?
Ich versuche, nur von einem Schritt zum nächsten zu denken.
Nächste Woche Abschied.
Die Woche darauf Formalitäten klären. Noch eine Woche darauf - der 3. Geburtstag meiner Söhne.
Ich freue mich so sehr auf meine selbstgewählte Auszeit.
Wie dringend nötig ich sie habe! Wie kaputt und müde ich bin. Wie sehr ich mich zusammenreiße, um allem gerecht zu werden.
Ich muss nun anfangen, mir selbst gerecht zu werden. Meine Trauer zu leben und sie nicht zu bekämpfen. Meine Gefühle anzunehmen, so wie sie eben sind.
Es ist gut, wenn ich traurig bin. Es ist gut, wenn ich fröhlich bin. Oder wütend. Oder taub. Oder verwirrt.
Oder alles gleichzeitig.
Ich werde viel Kraft und noch mehr Mut brauchen. Ich hoffe, es wird sich alles finden.
Ich versuche, nur von einem Schritt zum nächsten zu denken.
Nächste Woche Abschied.
Die Woche darauf Formalitäten klären. Noch eine Woche darauf - der 3. Geburtstag meiner Söhne.
Ich freue mich so sehr auf meine selbstgewählte Auszeit.
Wie dringend nötig ich sie habe! Wie kaputt und müde ich bin. Wie sehr ich mich zusammenreiße, um allem gerecht zu werden.
Ich muss nun anfangen, mir selbst gerecht zu werden. Meine Trauer zu leben und sie nicht zu bekämpfen. Meine Gefühle anzunehmen, so wie sie eben sind.
Es ist gut, wenn ich traurig bin. Es ist gut, wenn ich fröhlich bin. Oder wütend. Oder taub. Oder verwirrt.
Oder alles gleichzeitig.
Ich werde viel Kraft und noch mehr Mut brauchen. Ich hoffe, es wird sich alles finden.
Mittwoch, 2. August 2017
Auf der Suche
Wir haben August. Wieder einmal. Und ich weiß nicht, ob meine derzeitige Gemütslage vielleicht auch dadurch mitgeprägt wird.
Ich bin traurig. Alles ist so anstrengend! Ich möchte jammern und mit dem Fuß aufstampfen.
Dabei liegen schöne Wochen hinter mir. Ein lang ersehnter Urlaub, zusammen mit meinem Freund, und letzte Woche haben wir uns ein kleines Auto gekauft. Ein kleines Stück Freiheit zurückerobert.
Wie ich es Leid bin, die vollen Busse und Bahnen, Schienenersatzverkehr, überall Menschen -
im Moment ist es die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, nach Beschaulichkeit.
Es gab ein Attentat in "meinem" Stammsupermarkt, 5 Minuten von meinem Zuhause entfernt. Die Nachrichten waren voll davon, und mich hat es bis ins Mark erschüttert. Und daran erinnert, wieder einmal, wie fragil unser Leben ist. Wie brüchig die Sicherheiten sind.
Ich habe schon seit langem Angst wenn ich am Hauptbahnhof bin, oder noch schlimmer, am Flughafen. Aber nun mitzuerleben, wie jemand beim einkaufen getötet wird, noch dazu quasi vor der Haustür - das will mir nicht in den Kopf.
Ich verstehe nicht, warum Menschen einander so viel Leid zufügen.
Ich bin einfach nur traurig und müde von der Welt.
Zähle die Tage, die ich noch auf Arbeit verbringen muss, und freue mich darauf, endlich einen Strich unter dieses Kapitel ziehen zu können.
Um dann langsam weiter zu sehen. Rausfinden, was ich machen will, wo ich hin will.
"Der lange Weg durch die Trauer" - ich muss im Moment häufig an diese Formulierung denken.
Der Weg ist lang, und so ganz anders, als ich dachte.
Er hat bei mir gar nicht so viel mit Tränen zu tun, sondern eher mit nicht-fühlen, Wut fühlen, bodenlose Erschöpfung fühlen. Und sich einsam fühlen, un-end-lich einsam. Auch wenn man gar nicht alleine ist.
Ich bin traurig. Alles ist so anstrengend! Ich möchte jammern und mit dem Fuß aufstampfen.
Dabei liegen schöne Wochen hinter mir. Ein lang ersehnter Urlaub, zusammen mit meinem Freund, und letzte Woche haben wir uns ein kleines Auto gekauft. Ein kleines Stück Freiheit zurückerobert.
Wie ich es Leid bin, die vollen Busse und Bahnen, Schienenersatzverkehr, überall Menschen -
im Moment ist es die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, nach Beschaulichkeit.
Es gab ein Attentat in "meinem" Stammsupermarkt, 5 Minuten von meinem Zuhause entfernt. Die Nachrichten waren voll davon, und mich hat es bis ins Mark erschüttert. Und daran erinnert, wieder einmal, wie fragil unser Leben ist. Wie brüchig die Sicherheiten sind.
Ich habe schon seit langem Angst wenn ich am Hauptbahnhof bin, oder noch schlimmer, am Flughafen. Aber nun mitzuerleben, wie jemand beim einkaufen getötet wird, noch dazu quasi vor der Haustür - das will mir nicht in den Kopf.
Ich verstehe nicht, warum Menschen einander so viel Leid zufügen.
Ich bin einfach nur traurig und müde von der Welt.
Zähle die Tage, die ich noch auf Arbeit verbringen muss, und freue mich darauf, endlich einen Strich unter dieses Kapitel ziehen zu können.
Um dann langsam weiter zu sehen. Rausfinden, was ich machen will, wo ich hin will.
"Der lange Weg durch die Trauer" - ich muss im Moment häufig an diese Formulierung denken.
Der Weg ist lang, und so ganz anders, als ich dachte.
Er hat bei mir gar nicht so viel mit Tränen zu tun, sondern eher mit nicht-fühlen, Wut fühlen, bodenlose Erschöpfung fühlen. Und sich einsam fühlen, un-end-lich einsam. Auch wenn man gar nicht alleine ist.
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