Freitag, 18. Juni 2021

Gedanken zur Nacht, 2

Die bisher wärmste Nacht des Jahres.

Vom offenen Fenster kommt sowas wie frische Luft herein geweht.
Draußen von Ferne Gelächter. Wird der Markt etwa schon aufgebaut?
Möwen schreien sich an. Hätte nicht gedacht, dass ich mal Möwen mitten in der Stadt hören würde. Den Hafen mal ausgenommen.
In mir rumort es. Ich lege meine Hand auf meinen dicken Bauch. Auf die kleine Beule auf der linken Seite. Kopfnuss! Ich lächle.

Die Anspannung vor der nächsten Untersuchung steigt. Zu viele Geschichten in meinem Kopf, von späten Diagnosen, die ein gemeinsames Leben unmöglich machten. Vom plötzlichen Versterben im Bauch. Und dann erst die Geburt!
Meine Ansprüche sind gerade auf existenziellem Level. Wünsche mir nur eines: Baby lebt, ich lebe, M. lebt. Möglichst gesund und untraumatisiert.

Die Mopsmaus tritt mich.
Raus aus den düsteren Gedanken! Hallo, hier bin ich doch!! Lebendig und kräftig! Denk doch mal über mein Leben nach, nicht über meinen Tod, menschenskinnernochmal.

Ich lege meine Hand enger um meinen Bauch. Alles wackelt. Ich wackle mit.

Dienstag, 18. Mai 2021

24. Woche

Der Umzug kam, sah und wurde bewältigt!

Nun wohnen wir schon etwas über einen Monat in der neuen Bleibe.

In einer Ecke des Wohnzimmers stapeln sich dekorativ leere Postpakete - während einer Pandemie umziehen ist ja eher so mittel. Jeder Dübelerwerb will sorgsam geplant werden. Mal kurz ins Möbelhaus und eine neue Lampe aussuchen? Ach was!

So machten diverse Onlineshops den Umsatz ihres Lebens mit uns, ist ja auch schön (für die).

Ich bin mittlerweile in der 24. Woche angekommen. Mein Bauch ist gefühlt riesig und die kleine Mopsmaus darin macht sich schon ordentlich breit - kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie da bitte zwei kleine Rabauken drin Platz hatten.

Ansonsten ist die Zeit gerade toll und schwierig zugleich.
Die Lebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibs ist offiziell erreicht, ein weiterer Meilenstein für mich!

Und - damit ist allmählich auch der Zeitraum erreicht, als Erik und Paul auf die Welt kamen.

Kaum vorstellbar, dass diese Schwangerschaft jetzt schon zu Ende sein könnte!
Ich freue mich gerade über jeden einzelnen Tag, der vergeht.
Und gleichzeitig versuche ich auch, die Beziehung zum Baby ganz intensiv zu pflegen. Die zarten Stupser sind schon zu ordentlichen Tritten geworden, der Papa hat auch schon von außen was abbekommen :)

Wir erzählen dem Bauch viel, streicheln und stupsen zurück. Nur vorsingen kann ich nichts. Das macht mich sofort traurig.

Insgesamt kann ich diese Schwangerschaft aber gut zu der letzten abgrenzen. Naja, sind ja auch knapp 7 Jahre Zeit vergangen. Nur wenn etwas blödes passiert (letzte Woche hatte ich zum Beispiel eine Blasenentzündung), bin ich sofort auf 180 und im Worst Case-Modus.

Habe jetzt einen Onlinekurs für sogenannte Regenbogenbabys angefangen (Folgeschwangerschaft nach Verlust). Mal schauen, wie das wird.

Auf "normalen" Schwangerschaftskram habe ich ansonsten gerade wenig Lust. Geburtsvorbereitungskurs, am besten mit lauter unbeschwerten Erstmamas, und das ganze wieder nur online, och nee.

Schwimmen wäre richtig toll, aber nope, ist ja auch noch alles dicht.

Aber so lese ich halt, spiele viel und gucke Netflix, Amazon und YouTube durch.

Wenn alles gut geht, werde ich so schnell keine Zeit mehr für solchen Tüdelkram haben.
Ich hoffe so sehr darauf!

Dienstag, 6. April 2021

2021

Hallo Blog, ich habe dich vermisst!

Wie im ganzen letzten Jahr gefühlt nur Stagnation war und dann 2021 mit gleich mehreren Knallern loslegte.

Die Chronologie der sorgsamen Jahresplanung meines Mannes und mir wurde direkt mal umgedreht, als ich im Januar einen positiven Schwangerschaftstest in meinen zitternden Händen hielt.

Sollte das in meinem Alter nicht viel länger dauern?! Gleichzeitig war mir der kleine Zellhaufen schon jetzt sympathisch, einfach so BÄM, hier bin ich!

Die Übernahme meines Mannes war dann auch noch mal eine Zitterpartie, und wir sahen uns schon verarmt mit Baby weiter in unserer kleinen Altbauwohnung sitzen.
In mir erwachte so ein trotziger Irrsinnsfunke, und wir intensivierten die Wohnungssuche noch einmal mehr.

Da standen wir also Ende Januar vor mehreren Wohnungen, ich mit Übelkeit und mein Mann mit Existenzängsten aus der Hölle.

Quasi zeitgleich erhielt er seinen Arbeitsvertrag, und wir eine Zusage für eine neue, größere Wohnung.

Und nächste Woche ziehen wir um!
Ich glaube es wahrscheinlich eh erst, wenn es soweit ist.

Mit dem Baby geht es mir ähnlich, und obwohl ich fast Halbzeit habe und der Bauch langsam nicht mehr zu übersehen ist, ist es immer noch surreal.
Ich hatte mich im März zu einem kleinen Eingriff entschieden, um die Schwangerschaft zu stabilisieren (wer es googeln möchte: Früher totaler Muttermundverschluss), damit mir nicht das gleiche passiert wie beim letzten Mal und der Muttermund sich zu früh und zu schnell öffnet.

Die äußeren Bedingungen sind jetzt aber auch andere: Es ist nur ein Baby, ich arbeite seit Wochen nicht mehr und mein tapferer Mann macht ungefähr alles, und ich liege nur herum und brüte.

Ob alles gut geht, weiß ich natürlich trotzdem nicht. M. sagt immer, richtiger als jetzt können wir es nicht machen.

Und obwohl ich wohl nie die strahlende, unbesorgte Schwangere sein werde, die ich gern wäre, und stattdessen die zottelige und ängstliche, freue ich mich unbändig über dieses kleine Wunder in mir, das bisher recht unbeeindruckt von dem ganzen äußeren Gewusel ist und fleißig wächst.

Ich stelle mir gern vor, wie seine kleine Seele noch etwas Zeit mit seinen großen Brüdern verbringt, bevor es dann bereit ist für den Trubel dieser Welt.

Ich hoffe, das Universum meint es weiterhin gut mit meiner kleinen Familie. 
Für den Moment bin ich einfach nur dankbar.

Sonntag, 11. Oktober 2020

6 Jahre

Der 6. Geburtstag der Jungs ist schon wieder über einen Monat her.

Auf seine ganz spezielle Art schön gewesen ist er, auch in diesem Jahr. Und anders, weil F. und ich es für keine gute Idee hielten, im Krankenhaus zu frühstücken.

Gegessen haben wir letztlich trotzdem, halt woanders.

Anders war auch der Nachmittag, wo ich mir weitgehend offen hielt, was ich eigentlich machen möchte. Mit meinem Mann und meinen Eltern war ich nachmittags auf dem Friedhof, mit Blümchen und Kerzen. Spontan haben wir dann doch noch Kaffee und Muffins bei uns verputzt, und erstaunlich viel über den Tod gesprochen. Das war schön.

Meine Mutter spürte auch, dass irgendwas anders ist. Las zu Hause meinen letzten Eintrag und freute sich riesig mit mir.

Es schwebte neue Hoffnung über diesem Geburtstag.

Die Zeit vergeht weiterhin schnell in diesem merkwürdigen Jahr.

Meine Freundin J. fragte mich letztens, wo ich gerade sei. Im Jahr 2014 oder im Jahr 2020?

Ich fand die Frage sehr klug, und musste gar nicht lange nachdenken. Ich bin im Hier und Jetzt. Mit einem halben Bein vielleicht sogar schon im nächsten Jahr.

Mich nerven die Nicht-Planbarkeiten. Die Coronazahlen steigen wieder, die Jobaussichten für meinen Mann sind weiter wackelig, ein muckeliges Weihnachten in Thüringen scheint mir gerade immer ferner. Probleme im Hier und Jetzt.

Und Zeit für meine Jungs bleibt da nur wenig. Auch das nervt mich, und ich schiebe gerade alles zusätzliche weit weg von mir. Unser angeschlagenes Auto, Probleme auf der Arbeit, komische Stimmungen.

Die Todestage stehen vor der Tür, und ich sehne mich gerade danach, einfach für mich zu sein, mit meinen Söhnen in Verbindung, fernab von Zeit und Raum und Erwartungen. Der 19.10. ist ein Montag, da habe ich eh frei, und am 29.10. werde ich mir eben frei nehmen.

Ich sehe innerlich nebelverhangene Felder, weite Wiesen, fahles Sonnenlicht vor mir, wenn ich an Erik und Paul denke. Werde ganz ruhig und dankbar ob des innerlichen Reichtums, den sie mir geschenkt haben.

Auf das Wesentliche besinnen. Wieder einmal. Einatmen. Ausatmen. Innehalten. Irgendwann weitergehen.

Sonntag, 30. August 2020

In meiner Kraft

In den letzten Wochen ist etwas Erstaunliches in mir passiert.
Ich kann gar nicht genau sagen, warum und wieso. Ein Knoten ist geplatzt. Trotz der derzeitigen immer noch total ungewissen Weltlage, ist da eine Kraft in mir aktiviert worden. Vielleicht zurück gekehrt, vielleicht neu entfacht. Egal.
Seit gut einem Jahr mache ich nun meine Traumatherapie auf körperbasiertem Ansatz.
Zusätzlich dazu einen Kurs, der in einem geschützten Rahmen von der selben Therapeutin begleitet wird.
Ich gebe zu, ich war erst etwas zurückhaltend, was meinen Enthusiasmus dafür anging - Gruppentermine, mit Ausnahme meiner Trauergruppe damals, taten mir manchmal im Nachhinein nicht gut und verwirrten mein inneres System nur noch mehr.

Ich habe ein großes Problem damit, mich allein gelassen zu fühlen in solchen Situationen. Nicht gut begleitet zu werden.

Die jetzigen Gruppentreffen verlaufen intuitiv, die Therapeutin hört gut hin und "schwingt mit", wo Spannungen auftauchen, fragt nach, hält und stützt.

Vor ein paar Wochen war ich plötzlich im Fokus. Ich war innerlich total aufgewühlt und -geregt. Es ging um das Thema Familie(ngründung), und das ging mir ganz furchtbar nah.
Ich habe mir früher immer eine eigene Familie gewünscht. Ich hatte eine eigene Familie. Ich wünsche mir immer noch Familie.

Letzteres war ein Schlüsselsatz für mich. Ich hatte einen möglichen Kinderwunsch total nach hinten geschoben.
Die Angst vor einer erneuten Schwangerschaft war übermächtig. "Noch einen Verlust verkrafte ich nicht."

Die Therapeutin spürte meine innere Aufruhr und fragte nach.
Ich schaffte es nicht, den anderen TeilnehmerInnen vom Verlust zu erzählen. Ich spürte, dass mein persönlicher Fokus nicht auf dem alten, sondern auf etwas neuem lag: Ich möchte (wieder) Familie.
(Meine Therapeutin weiß natürlich um Erik und Paul, just for the record ;))

Was dann folgte, war einfach nur krass: mir wurde quasi einstimmig vermittelt, dass ich die wärmste, weichste, mütterlichste Frau sei, die ihnen nur einfallen würde. Dass ich an meinem Traum festhalten solle, von meinem kleinen Bullerbü, von einer Gemeinschaft, die einander trägt.

Ich habe viel viel geweint an diesem Abend. Habe mich gestärkt gefühlt, gesehen gefühlt.
Meine Kraft, Dinge in die Hand zu nehmen, klar zu sein, zu wissen, was ich möchte - sie war plötzlich da, wie ein kleines Licht, das immer größer und größer wird.

Mein Mann fiel aus allen Wolken, als ich ihm sagte, dass ich nun gerne doch noch den Versuch wagen möchte, bevor wir komplett alt und tatterig sind. Aber die Lage der Welt..? Klimakrise...? Vielleicht hat er ab Anfang nächsten Jahres keinen Job mehr?! Ein Kind, JETZT?!? Aaahhh!

Okay, es ist die denkbar schlechteste Phase gerade, gesamtgesellschaftlich und individuell. Aber irgendwie ist mir das komplett egal.

Die Welt, mein Leben, unser Leben kann komplett den Bach runtergehen - ich hab es doch eh nicht in der Hand. Dann kann man auch einfach machen, was man will.

Und: meine persönlichen Bedingungen sind jetzt auch andere. Ich übe mich viel in Abgrenzung, beruflich, familiär. Auch da kann ich vieles nicht ändern, also mache ich es halt, wie es mir gut tut und soweit es mir gut tut.

Ich habe einen liebenden Mann, eine stärkende Familie, umsorgende Schwiegereltern. Immer noch die besten FreundInnen, die ich mir nur wünschen kann. Darauf vertraue ich. Und ich vertraue mir, dass ich gute und wohlmeinende Entscheidungen für mein und unser Leben treffen kann.

Das ist ein unglaubliches Geschenk für mich. Vertrauen. In mich. Vielleicht wird alles gut. Vielleicht wird es das auch nicht. Ich trage keine Schuld. Ich gehe nur meinen Weg.

Sonntag, 28. Juni 2020

Gebremst

2020, ey. Lange nicht mehr so gute persönliche Voraussetzungen gehabt für ein neues Jahr, und was kommt dann? Ne Pandemie.

Im März dachte ich eine Zeit lang, dass wir spätestens im Mai alle entweder krank oder tot, aber zumindest im trockenen Ödland um das letzte Benzin kämpfend dastehen.

Dann starben zum Glück, zumindest in Deutschland, vergleichsweise wenig Menschen an Corona, und statt Mad Max-mäßig mit geschorenen Häuptern rumzufahren wurde lieber um Klopapier gekämpft.

Es ist alles wieder etwas entspannter, ich war sogar mal live beim Yoga und unter Menschen, aber so richtig "vorbei" fühlt es sich für mich noch nicht an (und ist es wohl auch nicht).

Der Schreck sitzt mir noch zu tief in den Knochen, und es war krass zu erleben, dass ein weiteres Mal im Leben nichts sicher, planbar oder vorhersehbar ist.
Nun halt eben kollektiv.
Habe gelesen, dass es manchen Menschen mit psychischen Krankheiten teils besser ging, weil sie eben auf einmal nicht mehr gefühlt so allein waren mit ihren Ängsten und Sorgen.
Ging mir leider nicht so. Das hat sich alles ganz schön hochpotenziert.

Wenigstens rast das Jahr weiter schnell dahin. 2020, du hattest wirklich das Zeug dazu, ein tolles Jahr zu werden.

Jetzt wünsche ich mir, wieder einmal, nichts mehr, als dass meine Familie und meine Freunde gesund und munter und zuversichtlich bleiben.

Dienstag, 18. Februar 2020

In Bewegung

Der erste Monat des neuen Jahres ist wie im Flug vergangen, der zweite schon halb vorbei.
Das Jahr ist in Bewegung. ICH bin in Bewegung. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Hab mir letztes Jahr im November schon einen Tanzkurs rausgesucht, um über die trübe Jahreszeit zu kommen, und das hat mir echt viel geholfen.
Führe ihn nun auch in diesem Jahr fort.
Habe TRE ausprobiert (Abkürzung für "Tension and Trauma Releasing Exercises") und das war auch richtig gut!
Frage mich, warum sowas nicht in der Schule gelehrt wird.

Zusätzlich bin ich immer noch bei meiner Tanztherapeutin für Einzelsitzungen, dort war ich jetzt am Wochenende auch auf einem Workshop. Das Thema war "Komm in deine Kraft", was gerade sehr gut zu meinen Themenfokus passte.

Eine der Teilnehmerinnen dort erzählte, dass sie dort wäre, um "ihr Yin zu stärken". Das fand ich irgendwie schön.
Überhaupt fand ich es sehr berührend, so unterschiedliche Frauen zu erleben, die alle auf dem Weg sind, zu sich selbst, zu mehr Kraft, mehr (Selbst)Vertrauen.

Und dann denke ich, dass das Leben, das so viele Menschen führen, so weit weg ist von dem, was eigentlich wichtig oder gar essentiell ist. 8 Stunden am Tag in irgendwelchen Jobs rumspringen, die sie nicht mögen, Beziehungen führen, nach Mustern leben, die ihnen nicht gut tun.

Dass ich rein durch Bewegung und vor allem Tanz wieder mehr ins Fühlen und zu mir komme, hätte ich so nicht für möglich gehalten. Da war immer der Wunsch in mir, das bloße "Gequatsche" mehr körperlich zu integrieren, aber mir fehlten die Ansätze.

"Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße". (Martin Walser)